Rezensionen/ Leser/ Response

Der Spiegelfechter schreibt: “Ein Plädoyer gegen Selbstgefälligkeit”

“[...] Hausstein erlaubt sich nur einen Querschnitt durch diese Republik, deren res publica es ist, öffentlich so zu tun, als seien Arbeitgeberwünsche und Konzernvorlieben in unser aller Interesse. Er liefert damit aber nicht weniger als einen Ausblick auf eine Demokratie, die sich selbst an ihrem einst auferlegten Anspruch stört, jeden Menschen zu hören, zu schätzen, zu unterstützen. Jeder von Haussteins Texten ist somit ein trauriger Gruß aus einem postdemokratischen Topos.”

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Fast vergessene Systemleichen …

Von Gerhard Smole

Wer kennt nicht die sogenannten Explosionszeichnungen von technischen Geräten/Maschinen? Wir steigen hinter Dinge, deren Zusammenhang uns vorher vage irgendwie bekannt war und plötzlich begreifen wir „aha, so funktioniert das also, oder so greift das zusammen.“ So ähnlich ging es mir bei der Lektüre von „Ein Plädoyer für Gerechtigkeit.“ Lutz Hausstein ist es gelungen, eine komplizierte Materie, die derzeit in den Medien und in den sozialen Netzwerken hoch und runter diskutiert wird, zugleich verständlich und schonungslos darzulegen. Ihm ist das gelungen ohne Zynismus und ohne Ideologisierung der immerhin hochbrisanten Themen. Da reicht es schon, wenn er hinsichtlich HartzIV von „in Gesetz gegossener Verfassungswidrigkeit“ spricht. Davon abgesehen ist HartzIV und seine Bürokratie, seine Behörden mit vielen Beispielen und Argumenten ein zentrales Thema im Buch – bissig und entlarvend! Er setzt hier sozusagen das geistige Filetiermesser an, und was dann zum Vorschein kommt läßt einen schon frösteln. Oder wie an anderer Stelle immer wieder Bezug auf den Titel genommen wird: „Denn Gerechtigkeit ist nicht das, was „die oberen Zehntausend“ als gerecht empfinden, sondern vor allem die Menschen, welche sich am anderen Ende der sozialen Leiter befinden.“ Dabei wird nichts ausgelassen, was sich in den letzten Jahren so angesammelt hat – und siehe da, urplötzlich werden fast vergessene Systemleichen wieder lebendig: Als Hausstein über die Banken im Allgemeinen und die HSH Nordbank im Besonderen schrieb, hat er sicher nicht geahnt, daß genau jetzt diese Truppe erneut einen unrühmlichen Platz in Medien und Justiz hat. Einkommensgerechtigkeit zwischen einem ALGII Empfänger und einem Konzernchef, das wird hier behandelt, dringt dann richtig ins Bewußtsein, wenn erklärt wird, daß die grafische Dar-stellung eigentlich nicht möglich ist (geometrisch gesehen bräuchte man wohl ein Buch von 1m Länge um den H4-Satz und ca. 60.000.000 € pro Jahr maßstabgerecht, mit dem Auge erfassbar zu vergleichen). Als angenehm habe ich empfunden, daß mit dem Mittel der Grafik/Statistik sparsam umgegangen wird. Da ist mir die gedankliche Brücke zu 1989/90 und dem, was davon übrig ist oder nie eintrat, viel interessanter. Hier zeigt sich exemplarisch und überzeugend, wie Politik und Elite-Interessen eine Art „Verwüstung“ der gesellschaftlichen Verhältnisse herbeigeführt haben. Da nützt es auch nicht, daß das Verfassungsgericht, am Beispiel HartzIV-Regelsätze, entsprechend geurteilt hat. Lutz Hausstein geht erfrischend respektlos mit dem Gericht und seinem Vorsitzenden um – darf er hier auch, denn sein Plädoyer ist keins vor Gericht, sondern eines im Namen des Humanismus!

Gerhard Smole, Leipzig